Info Bull 133

Aerodynamische Verbesserungen am Reise- (und Alltags-) lieger

In diesem kleinen Beitrag möche ich über meine Erfahrungen mit Versuchen zur Verbesserung der Aerodynamik an einem Reiseliegerad berichten. Dabei geht es nicht darum, die Windschnittigkeit von Tiefliegern zu erreichen, sondern Möglichkeiten aufzuzeigen mit einfachen Mitteln  spürbare Ergebnisse zu erzielen. Der Bereich des Baus von Schaumverkleidungen( vgl. Info-Bull 132, S. 13) wird hier bewußt außer Acht gelassen , weil das wohl nicht für jeden möglich ist.

Basis meiner „Versuche“ ist das im Juni 2003 erworbene Toxy Lt von Quantum als Sondermodell „Miles & Motion“. In dieser Ausstattung  hat es (fast) alles, was man sich für lange Touren so wünscht: Gepäckträger und Lowrider für 4 Packtaschen, 2 Flaschenhalter ( hinter dem Sitz), 3×7 –Schaltung mit zwei Kettenblättern, komplette Beleuchtungsanlage usw. Mit einer Sitzhöhe um die 50 cm bietet es im Stadtverkehr noch eine ganz gute Übersicht , aber auch schon einen leichten „sportlichen Touch“.
Info Bull 133 - 1Foto 1: Toxy Lt „Miles & Motion“

Da für mich auf langen Strecken v.a. der Fahrkomfort zählt, wählte ich die Variante mit Spannsitz und Untenlenker, obwohl der etwas flacher geneigte Schalensitz und der Obenlenker bekanntlich aerodynamischer sind.Aber vielleicht ließe sich da ja nachhträglich wieder etwas „gutmachen“ ?

Frontverkleidung „Streamer“

Den „Streamer“ montierte ich in erster Linie als Wetterschutz und als solcher verdient er uneingeschränktes Lob!

Aber wie ist es mit der Aerodynamik? Gewiß, er sieht schnittig aus und der Hersteller HP-Velotechnik spricht von einer „aerodynamischen Tropfenform“ . Ich wollte es genauer wissen. Da ich keinen Windkanal besitze, habe ich einfache Rollversuche unternommen. Dazu ließ ich das Toxy mit und ohne die Verkleidung an einem windstillen Tag einen leicht geneigten Abhang hinunterrollen. Um auch den Einfluss der Luftverwirbelungen durch das Pedalieren einzubeziehen, nahm ich die Kette vom Kettenblatt  und trat so  jedesmal „im Leerlauf“ mit. Das Ergebnis: mit „Streamer“ rollte das Rad ca. 2, 30 m  weiter und die Höchtgeschwindigkeit lag um ca. 3  % höher. Der „Streamer“ verbesserte also tatsächlich in diesem Fall die Aerodynamik, wenn auch nur in bescheidenem Ausmaß! Dies deckt sich mit Versuchsreihen mit einer ähnlichen Verkleidung ( vgl. Info-Bull 125, S. 37) , die allerdings auch zeigen, dass diese Verbesserung der Aerodynamik nur untengelenkte Lieger betrifft. Interessant ist auch, dass bei Kurzliegern , bei denen das Rahmenrohr im Montagebereich des „Streamers“ nicht horizontal verläuft wie beim Toxy Lt ( s. Foto) sondern steil nach oben , der „Streamer“ sogar ungünstigenfalls einen Bemseffekt erzeugen kann. Der vordere Teil muss dann nämlich „heruntergezogen“ werden um noch über die Verkleidung hinwegsehen zu können. Dadurch verändert sich aber der Winkel der Nase, sie steht jetzt so ungünstig, dass sich eine größere Aufprallfläche ergibt. Ob also der „Streamer“ wie in meinem Fall die Aerodynamik verbessert, kann nicht pauschal beantwortet werden, sondern müsste eigenlich bei jedem Liegeradmodell gesondert untersucht werden!

Verringerung der Lenkerbreite

Die Toxys von Arved Klütz sind für ihre Laufruhe und gute Beherrschbarkeit bekannt, die auf der Konstruktion mit zwei gleich großen Rädern , wobei der Fahrer genau in der Mitte sitzt, beruht. Bei den untengelenkten Modellen verwendet der Hersteller außerdem einen sehr breiten Lenker, dami sich auch ein vollbepacktes Rad im schwierigen Gelände aufgrund der „langen Hebel“ noch  gut kontrollieren läßt. Aerodynamisch gesehen wäre ein schmalerer Lenker natürlich besser, da dann die Arme enger am Körper liegen. Da ich zu den eher dünnen Menschen gehören, hatte ich Spielraum genug, die Lenkerhörnchen auf jeder Seite um ca. 5 cm nach innen zu versetzen und trotzdem immer noch genügend Platz für meine Oberschenkel. Eine nennenswerte Ein-schränkung des Lenkverhaltens konnte ich daduch nicht feststellen, wohl aber eine „gefühlte“ Reduzierung des Windwiderstandes durch eine weitere Verkleinerung der Aufpallfläche! Außerdem ergaben sich als Nebeneffekt noch „Ausleger“ für die beiden Rückspiegel und eine Art Rammschutz für die Hydraulikbremsen, die sonst bei Stürzen leicht beschädigt werden können.

Heckkoffer

In der Rennszene ist seit langem bekannt, dass Heckverkleidungen einen weitaus größeren Effekt haben als Frontverkleidungen. In Gestalt eines regendichten, aerodynamischen Heckkoffers sind sie außerdem ungeheuer praktisch! Normalerweise werden sie formschlüssig an den Schalensitz angeschraubt, aber das ist ja bei einem Spannsitz nicht möglich! Allerdings gibt es von Novosport, einem der bekanntesten Hersteller solcher Koffer auch ein Modell, das als „ MTB-Koffer“ bezeichnet wird  (eigentlich eine eher abwegige Bezeichnung, Mountainbiker wollen doch durchs Gelände heizen und nicht Gepäck spazierenfahren!). Dieses Modell wird einfach auf einen vorhandenen Gepäckträger aufgeschoben und mit einer Metallasche festgeschraubt, kann also  im Bedarfsfallschnell wieder demontiert werden. Mit 35 Litern fasst dieser Heckkoffer beinahe soviel wie zwei große Packtaschen, ist also auch gut für ein Reiserad einsetzbar. Außerdem verleiht er dem Toxy zusammen mit dem Streamer auch ein ästhetisches Plus, da man ihn in der jeweiligen Rahmenfarbe bestellen kann.

In aerodynamischer Hinsicht war der Koffer zunächst aber eine Enttäuschung! Die Form an sich ist sehr windschlüpfrig, aber eine Steigerung des Geschwindigkeitspotenzials war nicht festzustellen! Die Erklärung hierfür ist einfach: im Gegensatz  zu einem Schalensitz kann die Heckverkleidung nicht formschlüssig montiert werden, zwischen Spannsitz und Heckkoffer bleibt ein Spalt von 15 – 20 cm Breite. Hier bilden sich natürlich „massenweise“ bremsende Luftwirbel, die die gute Aerodynamik des Koffers wieder neutralisieren! Beim Liegeradrennen 2006 in Haren-Rütenbrock ( auch für nicht so ambitonierte Fahrer sehr zu empfehlen, die Strecke und die Atmosphäre machen einfach Spaß !!!; mehr unter : www.moorligger.de.vu !!!) sah ich bei einer Teilnehmerin eine selbstgebaute Heckverkleidung aus Sperrholz. Meine Versuche mit diesem Material den Spalt zwischen Sitz und Heckkoffer zu schließen, schlugen aber fehl, da Sperrholz nicht biegsam genug ist um es an die „runden Backen“ des Heckkoffers anzupassen. Mit Plexiglas ( 1mm stark) aus dem Baumarkt hatte ich dann mehr Erfolg. Die beiden „Heckverschalungen“ wurden mit einem Fön in die richtige Form gebracht, in der entsprechenden Farbe lackiert und mittels Klettbändern befestigt, so dass sie leicht wieder abnehmbar sind, .B. für Reparaturarbeiten.

Info Bull 133 - 2Foto 2:  Mit „Streamer“, „MTB-Koffer“ mit „Heckverschalung“

Und siehe da, der aerodynamische Effekt war diesmal deutlich spürbar. Schon im „mittleren“ Bereich zwischen 20 – 30 km/h ergab sich ein Plus von  2 –3  Stundenkilometern! Um die Belüftung des Spannsitzes zu erhalten, habe ich die Verschalung oben und unten nicht geschlossen, aber allein das Schließen des Spaltes im Seitenbereich läßt die Luft offensichtlich viel besser abströmen!

Natürlich sind noch weitere aerodynamische Optimierungen denkbar, aber mir kam es nicht darauf an , das Letzte „herauszukitzeln“ , sondern die Aerodynamik zu verbessern ohne  dafür Abstriche am Komfort hinzunehmen. „Streamer“ und Heckkoffer haben eigentlich den Nutzwert noch gesteigert und eine Verbesserung des Geschwindigkeitspotenzials ist natürlich gerade bei langen Strecken immer auch ein Komfortgewinn!

Vielleicht haben ja noch andere HPV-ler noch viele Tipps und Anregungen, eine Art Erfahrungsaustausch (auch in der Info-Bull) wäre vielleicht ganz interessant!

Thomas Stegemann